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Lass mich noch ein wenig bleiben… Der Titicacasee und die Sonneninsel

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Ich habe meinen eigenen Kopf und mag viele Dinge nicht, die andere cool finden. Deswegen reise ich in einem Van durch Südamerika. Um mich nach nichts und niemandem richten zu müssen und mein “Programm” durchziehen zu können.

Sightseeing, Großstädte, Menschen, Dörfer, Hochland, Urwald – so viel oder wenig ich will. Ich umgehe gerne Backpacker-Hochburgen und fahre lieber 500 km Umweg durch die Pampa (inklusive Erdrutschen) statt den Standard-Weg zu nehmen, der wohl bequemer wäre.

Nach einem heftigen, Pannen gebeutelten Juni stand ich im Juli nun im tosenden La Paz, der Van beim Mechaniker meines Vertrauens (Ernesto, mein Held!) und ich vor der großen Frage, wie ich die nächsten vier Wochen in dieser Mega-City überstehen würde, ohne den Verstand zu verlieren.

Vielleicht kennst Du Boliviens politische Hauptstadt? Die Stadt, die im Abgrund liegt, die ihre Hänge hinaufkriecht und die kein Ende findet?

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Das ist Nuestra Señora de La Paz. Und nach den vielen turbulenten Wochen war sie einfach zu viel für mich.

Ich musste raus, den Frieden wiederfinden  – nur in diesem Moment nicht in dieser Stadt. Doch ohne fahrbaren Untersatz – was tun?

Ich entschied mich für einen Kurztrip zum Titicacasee. Boliviens ältester Touranbieter Crillon Tours würde mich sicher hin- und zurückbringen und ich müsste mir um nichts Gedanken machen.

Klingt gar nicht nach mir.

Dorthin, wo alle hingehen und dann noch im Komplett-Paket?

So gerne ich auf eigene Faust unterwegs bin, mit Locals Koka teile und mich in Ecken verirre, wo sich niemand anderes hintraut, reicht das leider oft nicht aus, um ein Land und seine Kultur zu verstehen. Und dieser Trip zum Titicacasee sollte mir zeigen warum.

Warnung: Es folgen unheimlich viele Bilder, weil jedes einzelne von Herzen kommt. Auch wenn sie nur einen Bruchteil der Stimmung dieses wundervollen Ortes einfangen konnten, hoffe ich, dass Du Dir dadurch dennoch ein Bild vom Titicacasee und seiner Umgebung machen kannst.

Der Bootbau-Meister von Huatajata

Am Rande des Sees befindet sich das kleine Huatajata. Mit meinem Van wäre ich wohl nur durchgefahren und hätte nie Demetrio Limachi kennengelernt.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren verhalfen seine Bootbaukünste dem norwegischen Forscher Thor Heyerdahl seine These zu untermauern, dass die Tiwanaku ihre Schilfboote nicht nur für die Überquerung des Titicacasee benutzten, sondern auch, um den Ozean zu bezwingen und Kontakt zu polynesischen und südpazifischen Völkern hatten (wohlgemerkt ca. 1000-500 v. Chr.!).

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Demetrio, ein sehr bescheidener, aufmerksamer älterer Herr, zeigt mir in schnellen, präzisen Schritten die Flechttechnik, mit dem man hier am Titicacasee seit Jahrhunderten Schilfboote baut und ich kann es kaum fassen, dass diese Boote dem Wasser, ja sogar den Weltmeeren trotzen können.

Doch am nächsten Morgen sollte ich eines Besseren belehrt werden.

Der Morgen war klar, frisch und mit dem ersten Blick aus meinem Fenster überkam mich eine plötzliche Tiefenentspanntheit, die ich in den letzten Monaten nur selten verspürt habe.

Dieses Licht. Dieses Blau. Diese Stille.

Frischer Papayasaft und Marraquetas zum Frühstück und es konnte losgehen. Mit dem Tragflügelboot hinaus ins Blau, das wie ein riesiger Spiegel den Himmel in all seinen Nuancen einfing.

Und da glitt er vor sich hin. Ein Herr hatte sich in volle traditionelle Montur geschmissen und schwebte in seinem Schilfboot an uns vorbei. Mit einem breiten Lächeln führte er sein Ruder und ließ uns in Staunen zurück, während das Tragflügelboot zur vollen Fahrt ansetzte und mit uns hinfortrauschte.

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Jungfrauenopfer auf der Mondinsel

Auf die Mondinsel hätte ich es per Van und Schiff wohl erst gar nicht geschafft. Der erste Blick von hier aus auf die Königskette, die gewaltige Bergkette, die von hier bis nach La Paz reicht, verschlägt mir den Atem. In den folgenden Stunden würde ich meine Augen nur schwer von diesem Anblick losreißen können.

Eine kleine Gemeinde lebt auf der Mondinsel, auf der zu Inka-Zeiten Jungfrauen für traditionelle Riten geopfert worden sein sollten, und das Kreuz der Anden verfolgt einen auf Schritt und Tritt – in jedem Winkel der alten, teilweise nachgebauten Ruinen und in den hübschen Steinketten, die die Damen ein paar Bolivianos verkaufen, ist es anzufinden. Ein uraltes Symbol, das die vier Himmelsrichtungen des Inkareichs aufzeigt.

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Das bolivianische Copacabana

Allein schon wegen den vielen Boots-Transfers begann ich diesen Trip schnell ziemlich toll zu finden. Nach Wochen und Monaten ohne größere Gewässer oder gar Meere zu Gesicht zu bekommen, fühlte sich meine Mainz-am-Rhein-Seele hier pudelwohl. Wasser, endlich wieder Wasser!

Bevor es zur Sonneninsel gehen sollte, ging es für einen kurzen Abstecher nach Copacabana, dem Haupt-Dreh- und Angelpunkt für Reisende, die über den Titicacasee von Peru nach Bolivien reisen und andersherum.

Ein entspannter Ort, an dem es an Wochenenden jedoch hoch her gehen kann. Copacabana gilt mit seiner Marienfigur, der Virgen de Copacabana, als einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Boliviens und jedes Wochenende pilgern zahlreiche Familien aus ganz Bolivien und den angrenzenden Regionen Perus hierher, um ihre neu erstandenen Autos und kleine Figuren, wie den Ekeko, segnen zu lassen, die ihnen Glück und Wohlstand bringen sollen.

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Die Sonneninsel oder: Lass mich bitte noch ein wenig bleiben…

Nach den vielen Eindrücken, einer geballten Ladung Historie und einer weiteren Tragflügelbootfahrt legten wir an der Sonneninsel an. Insbesondere hier kann man Inka-Geschichte atmen, doch lassen wir diese für jetzt ruhen.

Denn die Isla del Sol, die größte der Inseln auf dem Titicacasee, war für mich weitaus mehr als Geschichte – es war mein Hier und Jetzt. Mein erstes Mal seit Ewigkeiten Zeit still stehen, abschalten (vor allem das Handy) und schauen –

Kinder, die auf alten Mauern balancieren. Senioren, die ihre Packesel füttern, mit denen sie tagtäglich die unzähligen Stufen der Insel erklimmen.

Kolibris, die wie kleine Hubschrauber um mich herumbrausen. Alpakas, die in den letzten Sonnenstrahlen das Gras umjähten.

Die Königskordillere, die ein Farbspektakel darbietet, das seinesgleichen sucht und dieser unfassbar tolle, packende, kitschige Sonnenuntergang, über den ich einen eigenen Artikel schreiben könnte.

Ich war wirklich da. Und es war mir egal, mit wie vielen anderen Touristen ich der Sonne beim Untergehen zuschaute und anschließend andächtig und besonnen gen Dorf trabte.

Ich war angekommen auf dieser Reise.

Und fand das Gefühl, weswegen ich überhaupt losgezogen bin.

Wer hätte gedacht, dass ich diesen Moment auf einer Tour erlebe.

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Die drei Tage, die ich am Titicacasee verbracht habe, haben mir folgende Dinge gezeigt:

  • Ich kann so individual wie ich möchte unterwegs sein – manche Dinge werde ich einfach übersehen, weil ich es nicht besser weiß und ich mir nicht alles anlesen kann
  • Von Zeit zu Zeit kann es sehr wertvoll sein, auch mal den Touristenpfad zu gehen und eine Tour mitzumachen – die Informationen, die einem in solch einer Tour geliefert werden bekommt man oft nicht in Blogs oder Büchern
  • Man kann unglaublich spannende und tolle Menschen auf so einer Tour kennenlernen, die man sonst wohl nie getroffen hätte, zum Beispiel Demetrio, den Bootbauer oder auch meinen Tourguide Henry, mit dem ich etwas später seinen Geburtstag in La Paz gefeiert habe
  • Manchmal (oder fast immer) ist es gut sich für eine Weile von seiner gewohnten Umgebung (in diesem Falle meinem Van) zu entfernen, um wieder atmen und sich einen klaren Blick auf die Dinge verschaffen zu können.

Aber nun zu Dir –

Warst Du schon mal am Titicacasee und auf der Sonneninsel?

Und was hältst Du von Touren?

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Hinweis: Meine Tour zum Titicaca See wurde unterstützt von Crillon Tours, dem ältesten Touranbieter Boliviens. Danke an Mirjam und Henry für die hervorragende Betreuung. Alle Ansichten sind und bleiben meine eigenen.

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12 Kommentare

  1. Hallo! Ich lese deinen Blog wirklich sehr gerne und ich finde diesen Artikel wirklich toll =) Besonders die Bilder sind ein Traum! Ich freue mich schon auf deine nächsten Artikel, viele Grüße aus Gröden

  2. Hey Carina,

    selbst wenn ich mich nicht auf solch eine Tour begeben würde, schlage ich letztlich ja doch oft einen touristischen Pfad ein, wenn ich mir beispielsweise ein Naturschauspiel oder ein besonders schönes Fleckchen Erde ansehen möchte. Vor allem letztere haben nämlich die Eigenschaft, eines Tages als Touristenattraktion zu enden.

    Lieber Gruß,
    Philipp

  3. Hi Carina!

    Vielen Dank für die schönen Fotos. Ich auch hin wollen :)

    Ich bin auch nicht gerne auf Toursitenpfaden unterwegs und reise deshalb am liebsten mit dem eigenen Fahrzeug. Vor allem aber, weil ich nicht nur die Orte mit Bahnhof oder Bushaltestelle kennen lernen möchte, sonder auch all die Orte dazwischen.

    Dennoch haben die meisten Attraktionen ihre Berechtigung – weil sie oft einfach geil sind (so viele Leute können ja nicht irren).

    :)

    Steffi

    • Carina sagt

      Liebe Steffi,
      danke für Deinen Kommentar und Du hast ganz Recht! So geht es mir auf meiner Reise hier ja gerade auch. Statt die ganzen Backpacker-Hochburgen abzuklappern, sehe ich auch das was dazwischen liegt und wo man nicht so einfach hinkommt.
      Und die großen Attraktion gehören natürlich zu, so wie Du schon sagst :)
      Liebe grüße aus Peru!

  4. Das blau auf den Fotos ist unglaublich. Vielen Dank fürs Teilen :)
    Mein Meinung zu Touren ist ziemlich gespalten. Einerseits gibts meist richtig tolle Sachen zu sehen und andererseits liebe ich es einfach, Dinge allein zu entdecken. Ein gesunder Mix aus beidem ist vielleicht der richtige Weg ;)

    • Carina sagt

      Das Wasser war wirklich der Wahnsinn.
      Ich sehe es genauso wie Du – ein gesunder Mix ist das Beste :)

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