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Fischers Freunde: Koka, Malbec & Knicklichter

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„Wir rauchen kein Marihuana und nehmen keine anderen Drogen, aber wir saufen halt gern“, posaunte Cesar laut heraus und reichte mir den randvollen Becher Rotwein-Cola. Cola light wohlgemerkt. Man achtet hier nicht auf die Figur, unschwer zu erkennen an den stolzen Bäuchen, die unsere neuen Freunde vor sich tragen. Man achtet auf den Zucker, da der Großteil der geselligen Herrenrunde Diabetes hat.

Nach einem großen Schluck reiche ich die gruselige Mischung aus ziemlich guten argentinischen Malbec und ziemlich scheußlicher Noname Diät-Cola weiter. Um mich herum zehn lustige Gesellen, die sich mit dicken Kokablätter gefüllten Backen über den spontanen „intercambio de las culturas“ freuen. Doch wie um alles in der Welt bin ich nur hier her gekommen?

Samstagabende gehören Salta-Bier und Cumbia

Wir schreiben einen Samstagabend im Mai. Die Dunkelheit ist bereits über Argentinien hereingebrochen und meine zwei Mitfahrer und ich suchen einen entspannten Schlafplatz für die Nacht. Den Tag haben wir im trubeligen Salta verbracht, auf dem Schwarzmarkt Geld gewechselt und Tisch-Parilla gegessen.

Wir befinden uns etwas nördlich von Salta in der Nähe eines Sees. Entspannte Wildcamping-Plätze sind in diesen Regionen gerade an Wochenenden rar gesät, da sich natürlich besonders an den schönen Orten immer zwei, drei, zehn Autos zusammenfinden, um die ganze Nacht lang Cumbia zu hören, zu grillen und zu trinken. Und auch hier stehen vereinzelt Autos am Ufer, Türen weit auf, Musik auf voller Lautstärke, die Salta-Bierflaschen am Klingen.

Der Platz am See ist nett, doch in der Angst von einem der trunkenen Autofahrer angefahren zu werden, überlegen wir es uns anders und wollen weiterfahren. Schlüssel ins Schloss, umgedreht und… nichts. Auf ein Neues und – wieder nichts. Kein Zündgeräusch, kein Raunen, kein Mucks gibt der Motor von sich. Es gibt wohl keinen besseren Ort zum Liegenbleiben als Nachts mitten in der Natur.

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Bis wie viel Bier darf man fahren?

Zwei Scheinwerfer blitzen auf. Die Feier, an der wir eben noch vorbeigefahren sind nahm ein plötzliches Ende und die eben noch trinkenden Herrschaften kommen uns passenderweise genau jetzt entgegen. Wir halten sie an und zurecht sind sie zuerst ein wenig argwöhnisch – könnten wir doch Zivilpolizisten sein und sie ins Röhrchen pusten lassen.

Doch nein, anhand unseres Akzents merken sie schnell, dass wir harmlose Ausländer sind. Ihre Mienen hellen sich auf und auch unsere, als das Problem schnell gelöst ist. Kabel raus, Starthilfe und rrrummmmm, der Motor rauscht. Gracias, hasta luego und weiter geht die nächtliche Suche nach einem Schlafplatz.

Kein Campingplatz am See

Unsere sonst sehr verlässliche Karten App führt uns einige Kilometer weiter wieder an das Ufer des Sees. Über einen Schotterweg geht es auf das Campingplatz-Symbol in der App zu. Doch als wir ankommen ist dort außer einer Horde Kühen und einem windschiefen Zeltkomplex nichts.
Wir schicken unseren vorübergehenden Mitfahrer und Schweizer Freund Jeff vor, um die Lage zu checken.

Er tastet sich langsam an das Zeltkonstrukt heran, redet und gestikuliert mit zwei Herrschaften, denen unsere Ankunft nicht verborgen geblieben ist und verschwindet schnell im Inneren. Doch irgendwie kommt er nicht wieder. Da wir unseren Freund nicht im Stich lassen können pirschen wir uns ebenfalls an das Zelt heran, öffnen eine Luke und werden von einem bunten Haufen Argentinier angestarrt, mitten drin Jeff, der wie mit seinen knappen 1,90m über den Köpfen der anderen ragt.

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Fischers Freunde

Es dauert keine Sekunde bis wir herzlich Willkommen geheißen und in die Runde aufgenommen werden. Man reicht uns den ominösen Becher und fragt uns Löcher in den Bauch. Die Jungs treffen sich hier fast jedes Wochenende, bauen das lustige, wackelige Zeltdach auf und fischen, trinken, spaßen die ganze Nacht. Wobei das Fischen eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Wir fragen ob die Fische auf dem Grill landen, der gerade angefacht wird. Sie lachen und zeigen uns den ersten mickrigen Fisch, den sie heute gefangen haben (wohlgemerkt alle 10 zusammen): ein Winzling. Größere gibts hier nicht. Das Nacht-Fischen ist ein amüsanter Zeitvertreib, vor allem weil man die Knicklichter, die man eigentlich für die Köder verwendet auch so gut im Mund aufbewahren kann.

Knicklicht-Raves

Ich fühle mich in wirre Partyzeiten zurückversetzt, als wir das auch alle gemacht haben. Leuchtendes, speichelndes Feier-Equipment. Aber mir gegenüber stehen gestandene Mittvierziger, die sich in ihrem nicht mehr ganz nüchternen Zustand an den leuchtenden Stäbchen erfreuen und ihre Hüften zu den dröhnenden Cumbia Beats schwingen, die aus dem Auto kommen.

Die 6. Flasche Malbec landet leer auf dem Müllhaufen, der sich in einer Ecke des Zeltes anhäuft. Welche Musik wir hören würden? Sie kennen da was Deutsches. Jerry, der DJ für den heutigen Abend eilt zum Auto und überrascht uns mit längst vergessenen Klängen. Nein, nicht Rammstein, womit wir fest gerechnet hatten, ertönt, sondern:

Modern Talking

Ab dann ist die Meute nicht mehr zu halten – Sexy, sexy lover, the Vengabus is coming, give me hope, Johanna, give me hope! Das Beste der 80er, 90er aus den internationalen und nationalen Charts wird aufgetischt, während ein komplettes Huhn und ein riesiges Stück Steak mit rhythmischen Bewegungen und bloßen Händen eingeölt, gesalzt und auf den Grill gehievt werden.

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Heiß geht es her, auf dem Grill wie auf dem Dancefloor. Ein Handygruppenfoto hier und dort – für die Whatsapp-Gruppe der Fischer, um die Daheimgebliebenen und die Familie über die ausländischen Besucher zu informieren. Eine Kuh wird mit einer der leeren Weinflaschen vertrieben, als sie uns das Zelt einlaufen will. Und auch das plötzliche Auftreten Polizei, die zwischenzeitlich vorbeikommt und sagt, dass Fischen hier nicht erlaubt sei, verdirbt den Herrschaften nicht den Spaß.

Als das Asado gegen 1 Uhr dann auf dem riesigen Holzbrett landet und ein Dutzend Paar hungrige Hände über die Grillspezialitäten hergefallen sind, verabschiede ich mich mit vollem Bauch (vor allem gefüllt mit dem besten Chimichurri, das ich je gegessen habe) ins Bett.

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Der Morgen danach

Die 80er dröhnen durch die Nacht hindurch und als ich morgens aufwache donnert die Musik immer weiter. Im Zelt erwarten mich, nun nicht mehr schwingend, sondern tief im Campingstuhl sitzend, eine Handvoll übernachtigter Fischer.

Auch an diesem Morgen wollen sie nichts von uns annehmen. Keine Brötchen, kein Dulce de Leche, nur ein wenig Schokolade. Und als wäre ihre Gastfreundschaft nicht genug gewesen geben sie uns selbstgemachtes Brot und ein großes Päckchen Kokablätter mit. Für die Höhen, die uns auf unserer Weiterreise erwarten.

Die Musik stoppt nur ein einziges Mal in der gesamten Zeit und zwar als sie uns ein letztes Mal Starthilfe geben. Ein Rechtskuss, und herzliche Umarmungen. Buen viaje, amigos!

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Und Cesar?

Cesar war an diesem Morgen nicht mehr so fit wie noch am Abend zuvor. Das Glas war zu tief, die Kokabacke und der Bauch zu voll. Das einzige, was wir von ihm hörten war ein zufriedenes, donnerndes Schnarchen.

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4 Kommentare

  1. Hey Carina,

    ich habe mal etwas recherchiert, weil ich mir nicht sicher war, ob die Rotwein-Cola-Mischung in Deutschland Alte Oma oder Kalte Muschi genannt wird – es ist Letzteres. Es ist baskischen Ursprungs (“Calimotxo”) und wurde wohl eines Tages so übersetzt, dass es seinen phonetischen Klang beibehält.

    Jetzt bin ich gespannt: Haben Kokablätter einen Geschmack? So weit ich weiß, wird in den Anden darauf rumgekaut, um Hunger zu überbrücken und gegen Höhenkrankheit soll es auch helfen. Das war es dann auch schon.

    Lieber Gruß,
    Philipp

  2. Super!
    Wer eine Nacht mit argentinischer Keyboard-Gedüdel-Cumbia und 80er Hits überstanden hat, den haut so schnell nichts mehr vom Hocker ;)
    Gruß aus Bolivien!

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