Nach Hause kommen

nach-hause-komme-käse-brot„Cabin crew, get ready for landing.“ Routiniert checken die Flugbegleiter ein letztes Mal die Sitzreihen, alle angeschnallt, Rollläden geöffnet, Tische eingeklappt, bevor sie selbst Platz nehmen und auf die Landung in Stuttgart warten. Nach sechs Wochen in Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam, 40 Nächten in 20 Betten, 9 Flugstarts und -landungen, 10 Busfahrten, 4 Bootsfahrten und 5kg mehr im Gepäck inklusive dreier Mangos erwartet mich nun das, worauf ich mich am wenigsten vorbereitet haben: das nach Hause kommen.

Das letzte Mal und das erste Mal seit langem

Eine letzte Passkontrolle auf meiner Reise, ein letztes Mal geduldig auf den Rucksack am Gepäckband warten und ihn auf die Schultern hieven, ein letztes Mal in eine auf einmal schrecklich steril wirkende Empfangshalle laufen, vorbei an allen in Vorfreude Wartenden, hinaus in die dunkle Stuttgarter Kälte und hinein in ein für mich geparktes Auto. Ohne Licht verlasse ich den Parkplatz, merke es bevor es jemandem anderen auffällt und frage mich, ob Autofahren nach knapp 40 Stunden ohne Schlaf eine so gute Idee ist. Im aufkommenden Geschwindigkeitsrausch bemerke ich, dass ich bei erlaubten 120 km/h gerade mal 80 fahre, was sich außergewöhnlich schnell anfühlt.

Hoch konzentriert verpasse ich wie jedes Mal auf dieser Route die Ausfahrt und fahre direkt in den Stuttgarter Kessel. Die Automassen schieben sich den Hang hinab und während ich über die Bedeutung von Stau in internationalem Ausmaß sinniere, eröffnet sich vor mir das Stuttgarter Lichtermeer und ich werde fast schon ein bisschen sentimental.

58 x Käse und 1 Wodka

Es ist Samstag Abend und da ich weiß, dass der Kühlschrank nach sechs Wochen Vernachlässigung nicht viel zu bieten haben wird ist mein erstes Ziel der nächste Supermarkt. Das grelle Licht und die Auswahl erschlägt mich. Vorbei an der Gemüseabteilung und Jugendlichen, die sich fragen, ob sie den Wodka an der Kassiererin vorbei kriegen, unterkühle ich mich an der offenen Kühltheke. Während in den letzten Wochen mein größtes Problem die Wahl zwischen Suppe oder Reis war stehe ich jetzt vor der Herausforderung mich für eine der 58 Käsesorten zu entscheiden. Wann habe ich das letzte Mal Käse gegessen?

nach-hause-kommen-mango

Flugmangos

Ein Stapel an Post liegt auf der Türschwelle und beim Öffnen der Tür frage ich mich, was ich als erstes machen soll. Die Briefe öffnen oder mir doch lieber noch einen Tag Schonzeit geben, direkt unter die Dusche springen oder erst den Rucksack ausräumen, etwas essen, den Einkauf einräumen, Emails checken, Heizung anmachen, mich direkt hinlegen, Wäsche waschen, meinen Freunden schreiben, dass ich gut angekommen bin?

Ich setze mich auf die Couch und horche in die Stille, genieße die Kälte und Aufgeräumtheit und entscheide mich letzterem erstmal den Gar aus zu machen, indem ich meinen Rucksack auspacke. Zumindest die Mangos, die den Flug überraschenderweise gut überstanden haben. Und während ich noch überlege, ob ich nun Flugmangos erschaffen habe oder nicht, esse ich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit echtes Brot mit echtem Käse und habe anschließend eine echte Dusche, mit Druck und warmen Wasser und steige ins Bett, in mein Bett. Es fühlt sich alles ungewöhnlich ungewohnt an. Ich habe es nicht vermisst.

Während man sich mit dem Planen oder Nicht-Planen einer Reise beschäftigt wird ein essenzieller Teil des Abenteuers meist ganz außer Acht gelassen: das nach Hause kommen. Man muss nicht lange unterwegs gewesen sein, damit sich zu Hause auf einmal ziemlich fremd anfühlt.

Nach Hause kommen

„Das Phänomen des Eigenkultur-Schocks (auch umgekehrter Kulturschock, reverse culture shock, re-entry shock) beschreibt das Phänomen eines Kulturschocks bei der Rückkehr aus einer fremden Kultur in die eigene Heimat. Dieser sei dabei in der Regel heftiger als bei Eintreten in die fremde Kultur, da die Notwendigkeit einer Reintegration in die eigene Kultur in der Regel eine höchst unerwartete psychologische Erfahrung darstelle.“
via Wikipedia

Alles ist sauber, alles ist zu schnell, zu kalt, zu unbunt, zu vertraut, zu strukturiert.
Wie erging es Dir, als Du von Deiner letzten Reise nach Hause gekommen bist?

Comments(6)

  • 14. Januar 2014, 15:52  Antworten

    Das Gefühl kenn ich! Nach meiner 6-monatigen Reise war es schon ein echter Kulturschock wieder zu Hause anzukommen. Hamburg hat mich natürlich auch mit Regen begrüßt. Da wollte ich am liebsten gleich wieder los. Ein sehr ungewohntes Gefühl für das Zuhause.

    • Carina
      18. Januar 2014, 15:20

      Das glaube ich Dir gerne! Ich hoffe Deine Freunde haben Dir zumindest einen warmen Empfang bereitet- trotz Regen ! :)

  • 14. Januar 2014, 15:59  Antworten

    Auch ohne, dass man den Biomüll vor dem Urlaub vergessen hat zu leeren, riecht es beim Nachhausekommen immer irgendwie komisch. Aber nur nach dem Urlaub beim ersten Eintreten in die Bude. Dann ist plötzlich alles wieder gut.

    Das erste mal den tschechischen öffentlichen Nahverkehr wieder zu nutzen nach Thai-Traffic-Overkill war krass. Keine Taxi- und Tuktuk-Marktschreier, die dir vor dem Einsteigen erzählen, dein Zielort sei voll oder abgebrannt. Dafür Mülleimer, in die man Müll reinschmeissen kann, total geil. Keine Ventilatoren oder hyperaktive Air Conditioning Systeme, die dir immer fokussiert genau auf eine Stelle nackte Haut Frostbeulen lasern.

    Dafür aber halt auch keine 30°, kein Street Food vor dem Ein- und nach dem Aussteigen.

    Ich fasele.

    Des Pudels Kern steckt im ersten Absatz. Der Rest ist Stream of Consciousness zur Urlaubskaterbewältigung.

    • Carina
      18. Januar 2014, 15:18

      MÜLLEIMER!
      Guter Punkt! Und definitiv kein Gefasel – Urlaubskater triffts ziemlich gut!

  • 18. Januar 2014, 20:23  Antworten

    urlaubskater. das wort muss ich mir merken ;-)

  • Hannah
    10. Februar 2015, 14:51  Antworten

    Nach 3 Monaten Afrika, Roadtrips, Musik und Tanzen an jeder Ecke, Sonnenschein, Camping unterm Sternenhimmel und Spaziergängen mit Krokodilbesuchern war das nach Hause kommen ein richtiger Kulturschock. Damit hatte ich im Leben nicht gerechnet, waren ja nur drei Monate und es hatte sich absolut nichts verändert. Und genau da lag dann irgendwie das Problem. Außerdem waren alle zu hektisch, zu eingefahren, zu geplant und viel zu langweilig. Was hab ich Sonne und die bunte Kultur vermisst- und tu’s auch heute noch. ;)

Was ist Deine Meinung?

LIKE und bleib immer auf dem Laufenden!schliessen
oeffnen