Laufen ist meine Therapie

Vor Dir erstreckt sich ein unebener Pfad. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg durch das dichte, dunkle Geäst über Dir und durch die kühle Morgenluft, die sich wie Tau auf Deine Haut legt. Das einzige, was Du hörst sind Deine dumpfen Schritte auf dem Waldboden und Dein regelmäßiger Atem.

Du hast keinen Weg und auch kein Ziel. Die einzige Bedingung ist: Weiterlaufen. Nach vorne schauen, die nächste Kurve, das nächste Hindernis bewältigen.

Der Aufprall

Du rennst mit voller Wucht gegen eine Betonwand. Du hast sie nicht kommen sehen und umso größer ist der Aufprall, der Dich taumelnd aus der Umlaufbahn wirft und Dich gebrochen zurück lässt.

Dieser Aufprall ist ein Erlebnis, das Dein Leben prägt.

Es brennt sich schmerzhaft unter Deine Haut, in Deine Erinnerungen und lässt Dir keinen Raum mehr zum Atmen. Es macht Dich taub. Im Kopf herrscht ein klaffendes Nichts und die Leere frisst Dich von innen auf.

Wohin mit diesem Gefühl, das Dir den Hals abschnürt und Deine Lungen zerreißt? Was so unglaublich schmerzt, aber Dich gleichzeitig stumpf zurück lässt?

Deine Freunde sind überfordert mit der Situation. Du möchtest ihnen das und Dich nicht antun. Doch wohin mit der Leere? Wohin mit diesem Zustand, der nicht greifbar ist und für den sich keine Worte finden lassen?

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Die Suche nach Hilfe

Wie kann Dir geholfen werden, wenn es niemanden gibt, der Dir einen Grund nennen kann. Wenn es keine Möglichkeit gibt die Situation zu erklären und es keinen Schuldigen gibt, den man zur Rechenschaft ziehen kann.

Wo soll die Hilfe ansetzen, wenn es keinen Hebel zum Greifen gibt?

Auf Deiner Suche vertraust Du Dich Menschen an, von denen Du Dir erhoffst, dass Du Dich wieder fühlen kannst. Die ein Patentrezept für Deine Heilung haben und Dich die Freude am Leben wieder finden lassen.

Es ist Arbeit, es kostet Kraft. Doch auch nach Monaten bleibt die Leere.

Ein Ausweg

Du beginnst zu laufen.
Es geht nicht darum fit zu werden, abzunehmen oder Dir etwas zu beweisen. Du möchtest einfach nur weg laufen. Der Taubheit davon laufen und alle Erinnerungen weit hinter Dir lassen bis sie verblassen. Was Du nicht ahnst ist, dass Du genau auf sie zu rennst.

Während dem Laufen bist Du zum ersten Mal nicht abgelenkt. Es gibt nur Dich, den Weg und Deine Füße dazwischen, die Dich im stetigen Rhythmus weiter tragen.
Und dann ist da noch Dein Kopf. Der nun Zeit hat nachzudenken, der auf einmal in den Untiefen Deiner Erinnerungen herumwühlt und Gedanken und Gefühle ans Tageslicht bringt, denen Du bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bist.

Du hast keine andere Wahl. Während dem Lauf musst Du Dich Dir selbst und allem stellen, was Du verdrängt hast. Was Dein Körper und Dein Kopf zu Deinem eigenen Schutz verdrängt haben.

Und plötzlich fühlst Du wieder.

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Der Ausblick

Es braucht Zeit. Wochen und Monate, um das aufzuarbeiten, was in Dir wartet. Und so sehr es bei jedem Mal schmerzt, Du läufst weiter, wieder genau in Richtung der Wand, die Dich damals gebrochen hat.

Doch dieses Mal siehst Du, was auf Dich zu kommt und Du hast die Kraft die Mauer zu erklimmen und sie hinter Dir zu lassen.

Du weißt:

Du bist auf dem richtigen Weg.

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Es gibt Erlebnisse im Leben, die man nicht ohne fremde Hilfe verarbeiten kann. Ich möchte jeden, der sich in diesem Text wieder findet dazu ermutigen nicht aufzugeben, nach vorne zu schauen und das Lachen wieder zu finden.

Laufen war für mich ein entscheidender Bestandteil meines Heilungsprozesses und ich hoffe Du findest Inspiration und Mut Deinen eigenen Weg zu gehen.

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Comments(11)

  • 14. August 2014, 10:37  Antworten

    So toll geschrieben und ich finde mich zu 100% darin wieder. Danke dir :-)

  • 14. August 2014, 12:31  Antworten

    Wahre Worte.

    Ich habe vor gut acht Wochen ohne bestimmte Motivation angefangen zu laufen und bin begeistert. Laufen macht den Kopf frei. Laufen entspannt. Laufen regt zum Nachdenken an.

    Laufen ist einfach toll.

  • 14. August 2014, 15:35  Antworten

    Danke, dass du den Text veröffentlich hast!

  • 14. August 2014, 20:18  Antworten

    Hallo Carina! Vielen Dank für diesen Text – ich kann das 1:1 nachvollziehen. Meine Therapiefortsetzung: Reisen und alles was dazugehört :o)

  • 15. August 2014, 09:11  Antworten

    Ich glaube einige werden sich in dem Text wieder finden. Mir tat das Laufen richtig gut. Habe dann vor einem Jahr trotzdem aufgehört.

    Ein Wieder-Anfang ist in Planung – wobei es ja auch jede andere Sport bewirken kann.

    Jeder sollte seine „Therapie“ finden – denn eines stimmt: Sport bzw Bewegung / Auspowern befreit.

  • 15. August 2014, 20:49  Antworten

    wahre worte!

  • reisemeisterei
    16. August 2014, 13:01  Antworten

    Wow. Carina. Ein sehr authentischer Text…Und sehr wahr…Danke. Christina

  • 20. August 2014, 16:48  Antworten

    Ein wundervoller Post, danke dafür!

  • Kerstin
    22. August 2014, 21:03  Antworten

    Und das ist genau das, was ich an anderer Stelle meinte… und ich hab es gerade erst entdeckt.

    Danke!

    • Carina
      22. August 2014, 21:14

      So gerne, liebe Kerstin!

  • 28. Februar 2015, 16:13  Antworten

    Ein wunderbarer Text. Danke dafür.

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