Eine Nacht am Abhang

Manche Tage auf Reisen… sind lauter, intensiver, vollgepackter als andere. Schlag auf Schlag wirst Du mit Eindrücken bombadiert und weißt gar nicht, wie Dir geschieht. Während Du noch versuchst das erste Ereignis zu verarbeiten, geht es auch schon unerbitterlich weiter – wie ein Film, der so schnell geschnitten ist, dass Du die Handlung kaum erfassen kannst.

So geschehen in dieser ersten September Woche, meiner zweiten Woche in Peru.
Nachdem eine spontane Krankheit mit drohendem Krankenhausaufenthalt, der E-Book-Launch und Machupicchu mich ziemlich umgehauen haben, sollte es erstmal sanft weiter gehen. Geplant: maximal unereignisreich. Ein paar Schotterstraßen, ein paar Pässe gen Norden, business as usual.

Doch ich hatte meine Rechnung ohne jenes Land gemacht, das seit letztem Jahr auf Platz 1 der Haupt-Kokain-Produzenten dieser Welt ist und gegen dessen Straßen die Todesstraße in Bolivien wie eine Kaffeefahrt erscheint: Peru.

Die erste Flussüberquerung, die zweite und die dritte. Dann stopp, Papiere bitte und Auto einmal komplett auseinandernehmen. Drogenkontrolle. Schön und gut, lassen wir mit uns machen. Das Militär hat seinen Spaß, so oft schauen Gringos hier auch nicht vorbei. Wir gönnen es ihnen.

Doch der letzte Satz beunruhigt uns dann doch etwas: Hier gäbe es viele Überfälle, wir sollen in den Kurven achtgeben und unter keinen Umständen anhalten – egal, was passiert. Das heißt, wir sollen weiterfahren, auch wenn jemand auf der Fahrbahn steht?

Einmal tief durchatmen, schlucken, Gracias und sichtlich angespannter weiterfahren. Wir sind das einzige Fahrzeug auf dem Pass und bei jeder Kurve zieht es mir den Magen zusammen.

erdrutsch-in-peru-strassen

Wir kommen ins Tiefland, ins erste Dorf, Kinder spielen auf der Straße. Entspannung. Wir fahren durch ewige Bananenplantagen, getränkt in der tief stehenden Sonne. Sanfte halb-asphaltierte Kurven schmiegen sich an den Fluss, der sich das Tal entlang schlängelt.

Doch plötzlich – einige Autos geparkt an der Seite, viele Menschen am Straßenrand, ein Abgrund. Nicht tief, aber tief genug. Und ein Kleinwagen, 20 Meter unterhalb der Straße.

Wir halten nicht an. Hätten wir anhalten sollen? Was hätten wir tun sollen? Kann es Überlebende geben?

Schlucken. Weiter.

Tief in Gedanken versunken erreichen wir Kimbiri.

Hier übernachten? Weiterfahren?

Kurz mit den hoch bewaffneten, aber sehr freundlichen Polizisten quatschen wegen der Straßensperre auf dem Weg nach Ayacucho. Befremdlich. Wie die Blicke, Pfiffe, „Gringita“s der Locals. Hier bin ich fremd.

Wir entscheiden uns zum Weiterfahren. Es ist bereits dunkel und die Luft mit undurchdringlichem Staub aufgewirbelt von den unzähligen Toyota Pickups, die an uns vorbeirauschen.

Wir fahren eine Stunde, eineinhalb, dann ist Schluss. Nichts geht mehr.

Ein Erdrutsch kam runter, ein ganz gewaltiger. Heute Nacht geht nichts mehr. Verkehrschaos bei den hunderten von Autos, die jetzt schon Schlange stehen, vordrängeln und mit Sicherheit weder Rettungs-, Bagger- oder Gegenverkehrsgasse freimachen.

Wir finden uns mit diesem Schicksal ab. Haben wir wohl eines der besten Gefährte hier, um durch die Nacht zu kommen. In der dichten Hitze schrauben Menschen die Lehnen ihrer Autositze zurück oder versuchen es sich zwischen Bananen und Möbeln auf der Ladefläche ihres Pickups bequem zu machen.

Frauen mit Getränken und Snacks in Bauchläden und Schubkarren bahnen sich routiniert und geschäftlich ihren Weg durch die mit Autoscheinwerfern beleuchteten Reihen. Ein winziges Dorf schmiegt sich an den Hang, wo wir nun alle unsere Nacht verbringen werden.

Es wird eine ruhige Nacht.

Den folgenden Tag habe ich in bewegten Bildern eingefangen:

Während wir dachten, wir säßen mindestens eine Woche fest, waren wir nach nur knapp 20 Stunden wieder frei (wie es uns ein Local mit Zuversicht noch am Abend zuvor erklärt hatte).

Drei weitere Polizei- und eine Drogenkontrolle später schaffen wir es nach Quinoa. Ein kleines Örtchen, in dem ein großes Fest gefeiert wird.

Keine Kapazität für Aufregung, Menschen. Wir suchen Schlaf.

Mit einer großen Portion verkochten Nudeln im Bauch und zwei Folgen Big Bang Theory im Kopf, schreibe ich diese Zeilen und hoffe, dass meine verbleibenden 20 MB mobiles Internet diese letzten Zeilen morgen früh an Dich tragen.

Wie viel Abenteuer passt in einen Tag, eine Woche, eine Reise?

Ich lasse mich überraschen.

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Comments(2)

  • 10. September 2015, 22:53  Antworten

    Na, zum Glück passierte der Erdrutsch, bevor ihr passiert seid und nicht während euer Durchfahrt. ;)

    Wie schmeckt denn Cocatee? Bitter? Vergleichbar mit Matetee?

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Carina
      9. Oktober 2015, 18:31

      Ja, auf jeden Fall!
      Und mhhh, der Geschmack von Cocatee ist schwer zu beschreiben. Schmeckt auf jeden Fall anders als Matetee. Bitter ist er nicht, eher herb!

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