Der Mensch, zu dem Dich ein Ort macht

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Meine Beine bewegen sich im gleichmäßigen Tempo über den Asphalt. Mein Zopf wippt dazu im Takt. Ich laufe aufrecht, habe meine Lieblingsmusik auf den Ohren, den Blick auf den Horizont gerichtet.

An mir donnert ein schwer beladener Lastwagen vorbei, er hupt tosend, ich zucke zusammen. Ich sehe den Blick des Beifahrers im Seitenspiegel, er grinst und formt einen Kussmund.

Ich wende meinen Blick zu Boden, ziehe die Schultern ein und versuche zu ignorieren – Fahrzeuge, die hupen, Männer, die den ganzen Weg, den ich an ihnen vorbeilaufe glotzen, schnalzen, Wörter in die Luft hauchen, schreien und ich mich frage, ob ich das nächste Mal wieder ganz alleine los sollte.

Bin ich dran Schuld? Zu freizügig angezogen bei 30 Grad im Schatten? Sollte ich in diesem Land nicht als Frau alleine joggen gehen, nicht alleine vor die Tür gehen?

Diese Fragen stelle ich mir auf meinen Läufen, die ich in den letzten 16 Monaten in Lateinamerika getan habe.

Ich bin verwirrt

Mal mehr mal weniger schlimm wurde und werde ich jedes Mal, wenn ich alleine unterwegs bin angegafft, anpfiffen, angemacht. In manchen Gegenden liegt es durchaus an meiner Haut- und Augenfarbe, dass man mich genauer inspiziert. Und in manchen Gegenden sind Frauen beleidigt, wenn ihnen nicht hinterher gepfiffen wird, warum also nicht auch mir.

Doch mich verunsichert es und ich hasse es wie es mich fühlen lässt. Wie es mein Lächeln, das ich beim Laufen auf den Lippen trage, runterschlucken lässt, meinen aufrechten Gang bückt, ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut und auf meinem Weg fühle.

Ich trage mein Herz immer offen vor mir, ich lächle fremde Menschen an und breche das Eis, auch wenn wir kein Wort miteinander wechseln werden. Auch wenn ich einen miesen Tag habe, hilft mir Lächeln die Dinge nur halb so ernst zu sehen, denn über all den grauen Wolken da oben wartet irgendwo der blaue Himmel auf mich.

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Reisen verändert

Ich finde auf Reisen 100 verschiedene Versionen von mir. Doch nicht immer diejenigen, die ich schon lange sehnsüchtig gesucht habe. Die, die mich zu einem besseren, mitfühlenderen, allumfassenderen Ich komplettieren. Zu oft leider genau die, die ich bereits vor Jahren ganz tief vergraben habe, in der Hoffnung, dass sie mich nie wieder heimsuchen würden.

Reisen bahnt mir den Weg zu mir selbst. In all seinen Facetten und Fratzen, schillernden Wesenszügen und abgrundtiefen Abscheulichkeiten.

Jedes Land, jeder Ort, jede Ecke, jede noch so flüchtige Begegnung mischt die Karten neu und bietet mir die Möglichkeit meine Hand so zu spielen, wie ich es will.

Doch manche Orte zwingen mich in die Knie. Sie setzen mich Schachmatt mit ihren Verhaltensweisen und Stimmungen und lassen keinen Raum auf dem Spielfeld, um ich selbst zu sein. Ich wanke zwischen Spiegel-Dasein und Abwehrhaltung und weiß nicht wo ich dazwischen verloren ging.

Wer bin ich dahinter?

Das Gefühl, das mir ein Ort gibt entsteht in mir selbst. Doch die Umwelt schleicht sich in mein Unterbewusstsein mit einem Paukenschlag wie der hupende LKW oder auf Fußspitzen, allmählich, leise mit jeder Ignoranz und jeder ungewollten Aufmerksamkeit. Es infiltriert mein Bewusstsein, beeinflusst meine Stimmung, mein Handeln, mein Sein.

Dabei möchte ich nicht so sein. Ich möchte ich sein und zwar mein bestes Ich. Und nicht die eingeschüchterte, ängstliche, genervte, ignorante Version von mir. Wie halte ich meiner Umgebung stand? Wie kann ich der Mensch sein, der ich bin und nicht der, zu dem mich ein Ort macht?

Weiterziehen

Dann komme ich an Orte, an Menschen, die mich mein Herz wieder öffnen lassen. Vor denen ich nichts zu verstecken und nichts zu befürchten habe, die mein Ganzes sehen und fühlen. Ob mit oder ohne Worte. Die mein Lächeln wecken, die es verstehen und es so nehmen wie es ist. Als nichts mehr und nichts weniger.

An diesen Orten merke ich, dass ich nicht verloren gegangen bin. Dass ich nicht der Mensch bin der letzten Wochen, der mir so wahnsinnig auf den Geist ging und den ich am liebsten direkt wieder tief vergraben hätte. Doch bin ich nicht auch dieser Mensch?

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Auf der Suche nach der Balance

Verschiedene Orte bringen verschiedene Stimmungen mit sich und sie können sich binnen Minuten, Stunden ändern. Manchmal liegt es am Wetter oder an der Jahreszeit und manchmal liegt es am Ort selbst, oder eben an Dir und es passt einfach nicht.

Jeder Ort, auch wenn es sich dort gerade nicht richtig anfühlt, zeigt Dir einen Teil Deiner selbst auf. Die ganzen kleinen und großen Stücke, die Du verdrängst und scheiße findest oder die, von denen Du gerne mehr sein würdest und die Du an Dir magst – das alles macht Dich zu dem Menschen, der Du in Deiner Ganzheit bist.

Meine Reise hat mir gezeigt, dass ich keinen Teil von mir abschütteln kann. Dass alle positiven und auch negativen Seiten ihre Berechtigung in meinem Wesen haben und ich auch von Zeit zu Zeit die Schattenseiten brauche, um überhaupt meine Balance zu finden, die Ruhe und Ausgeglichenheit in der Mitte.

Die Orte, die Dich zum Menschen machen

So sehr mich meine Umgebung prägt, so sehr bin ich doch dafür verantwortlich meine Schlüsse daraus zu ziehen und mir trotz des Lärms, der mich umgibt Gehör zu schenken und meine Stimme zu finden.

Die unzähligen Versionen meiner selbst warten überall auf der Welt auf mich, um von mir gehört, gesehen und erlebt zu werden.

Ob ich diese neuen Teile in mein Gefühlsrepertoire mit aufnehme oder ob ich sei fein säuberlich in meiner Erfahrungsschatzkammer verstaue (wer weiß wofür sie nochmal gut sein könnten…), ist allein mir überlassen.

Und so schnüre ich meine Laufschuhe ein weiteres Mal, unbeeindruckt, was kommen mag. Ich setze meine Kopfhörer auf und mein Lächeln und finde meinen Weg.

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Comments(4)

  • 17. Mai 2016, 16:54  Antworten

    Toller Beitrag, auch ich habe es auf meiner Neuseeland Reise gespürt, verschiedene Orte bringen verschiedene Stimmungen mit sich. Man lernt sich immer neu kennen. Ich finde es ganz toll, das du IMMER läufst. Ich laufe selber, aber in Neuseeland habe ich oft gedacht, ach ich kenne die Strecke nicht und wo soll ich denn lang laufen. Aber das ist falsch, denn immer wenn ich gelaufen bin, habe ich mich frei und glücklich gefühlt. Hut ab :)

  • 18. Mai 2016, 07:52  Antworten

    Sau schön geschrieben liebe Carina :) weiterlaufen!

  • 22. Mai 2016, 06:33  Antworten

    Spitzen Beitrag, Carina!

    Ich finde, Orte machen nicht nur einen bestimmten Typ Menschen aus uns. Sie geben uns Rollen mit auf den Weg, die wir den Menschen um uns herum entsprechend an- und ablegen.

    Lieber Gruß,
    Philipp

  • 23. Mai 2016, 21:08  Antworten

    Sehr schön geschrieben :)

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