Passen wir noch zusammen?

Es ist September 2011. Ich komme gerade zurück von einem Road Trip durch den Westen Kanadas und 3 Wochen Backpacking im skandinavischen Outback. Ich bin 23, habe meinen schon unnötig herausgezögerten Abschluss gerade in der Tasche und stehe nun nach meinem Umzug nach Stuttgart vor der großen Frage, was als nächstes passieren soll. Irgendwie wirds jetzt ernst.

Das Erwachsenwerden hat mich eiskalt erwischt. Auf der Suche nach einem festen Job stolpere ich mangels Alternativen und Selbstbewusstsein in das nächstbeste Praktikum in einer größeren Werbeagentur. Der Klassiker: viel arbeiten, wenig verdienen. Geld, das nach Abzug der Miete und der Krankenversicherung zum Leben übrig bleibt: -100 Euro. Aber irgendwie kommt man über die Runden. Und irgendwie schaffe ich es trotz minimaler Urlaubstaganzahl und noch minimalerem Verdienst zum ersten Mal Rom und Kroatien zu sehen.

Beziehungsstatus: frisch verliebt

2012 beginnt ein neuer Bewerbungsmarathon. Ich stelle eine Festanstellung nicht ein einziges Mal in Frage, denn ich brauche Geld und vor allem Sicherheit nach einigen unsteten Jahren. Ich merke, dass der Markt eine Motion Designerin wie mich nicht so sehr braucht wie ich einen Job und nehme eine der ersten Stellen an, nachdem ich mich der Sicherheit und der Liebe zuliebe gegen eine spannendere Anstellung in München entschieden hatte.

Dir kommt es vielleicht bekannt vor– Das Team ist klasse, die Bezahlung reicht zum Leben und am Anfang ist alles noch so schön neu und aufregend. Wie in einer Beziehung. Man übersieht die Macken des Gegenübers großzügig und investiert einen Großteil seiner Zeit in das Verhältnis, beschwingt von dem Gefühl gebraucht zu werden, etwas sinnvolles tun zu können (und davon auch noch die Miete bezahlen zu können). Doch wie in jeder Beziehung merkt man früher oder später, ob man wirklich zusammen passt und ob das Ganze eine Zukunft hat.

Beziehungspausen

Die ersten Januartage in 2013 verbrachte ich in New York. Nach einem wirren Road Trip durch Costa Rica konfrontierte mich die Eiseskälte der Großstadt mit einer blanken Realität. Die Stadt beeindruckte mich. So viel Leben, es war kaum auszuhalten. Wohin ich blickte strömten Menschen zu definierten Orten, mit und ohne konkrete Zielsetzung. 7 Monate später in Bangkok überrollten mich die Menschenmassen abermals. Ich tauchte in das Treiben ein, um an Plätze und Orte mit zu irren, ohne einen Plan, ob ich das überhaupt brauchte oder wollte. Ich ließ mich hin- und mitreißen und überwältigen von Abenteuer, Dreck, Frost und schwüler Hitze.

Die abstrakte Realität dieser Metropolen ähnelte meiner tatsächlichen Wirklichkeit mehr als mir lieb ist. Es ist Stuttgart, nicht New York oder Bangkok oder Vancouver. Und ich bin so furchtbar geschäftig, obwohl ich gar kein Ziel habe und nicht weiß, ob ich das, was alle anderen anscheinend wollen, überhaupt will.

busy bangkok

new york streets

Passen wir noch zusammen?

Das Eingeständnis zu definieren, dass dieser Job mich nicht mehr glücklich macht kam schleichend. Ich begann Prozesse zu hinterfragen und ertrug sich stetig wiederholende Aufgaben schlichtweg nicht mehr. Ich vermisste kreative Freiräume und Experimentiermöglichkeiten. Vor allem aber vermisste ich Zeit. Die Stunden, die ich vor einem Jahr noch bereitwillig investierte fühlten sich nun wie verlorene Lebenszeit an.

Warum sollte ich eine Beziehung weiterführen, die mir nichts mehr gibt? In der ich meine persönlichen Grenzen erreicht habe und nicht die Chance finde mich weiter zu entwickeln?

Vor wenigen Wochen habe ich die oben stehende Frage mit Nein beantwortet. Nun bleiben 7 Tage um mich zu verabschieden. Und dann beginnt das nächste Abenteuer.

auf dem weg

Comments(15)

  • 19. September 2013, 10:16  Antworten

    yessssss, auf in die freiheit! arbeitest du dann frei? es gibt nix besseres! :)

  • 19. September 2013, 10:16  Antworten

    Ich glaube, du tust das richtige und bewundere deine Entscheidung! Ich kenne dieses Gefühl bei der Arbeit, es wird immer schlimmer, wenn man nichts dagegen tut und dann wird schon die morgendliche U-Bahn-Fahrt zur Qual. Ich drücke die Daumen für das nächste Kapitel! :)

    • Carina
      19. September 2013, 19:37

      Danke Patrick für Deinen ehrlichen Kommentar! Ich bin super gespannt, was als nächstes kommt – auf jeden Fall kann ich TEDx dann ab Oktober auch wieder ordentlich supporten !

  • Din
    19. September 2013, 18:35  Antworten

    Ein schwieriges Thema, das du hier aber in einer interessanten Weise zusammengefasst hast. Beziehungen unterliegen meiner Meinung nach immer Schwankungen, einfach weil im Leben so viel passieren kann. Das muss nicht immer alles positiv oder nur negative sein, aber Veränderungen muss man meistern und da hilft oft Blick hinter die Kulissen.

    • Carina
      19. September 2013, 19:44

      Du hast vollkommen Recht! Schwankungen in Beziehungen sind völlig normal und ich vertrete in den meisten fällen die Meinung, dass man so etwas durchstehen muss oder sollte, wenn man es denn kann. Wenn eine Beziehung so etwas jedoch nicht überlebt, war man entweder nicht entschlossen genug oder es war nicht (mehr) die richtige Bindung.
      Ich muss ehrlich zugeben, dass meine Ansprüche gestiegen sind und mein Job dem leider nicht mehr gerecht werden konnte, was mir sehr Leid tut, weil ich mich einem großartigen Team zusammen gearbeitet habe.
      Aber ich möchte mich weiter entwickeln und deswegen bin ich diesen Schritt gegangen.

  • Anne
    19. September 2013, 19:20  Antworten

    Mutiger Entschluss, auf den Du verdammt stolz sein kannst!

    • Carina
      19. September 2013, 19:37

      Mal schauen, auf was ich mich da eingelassen habe! Ich danke Dir, Anne!!

  • Ute
    20. September 2013, 06:43  Antworten

    Meine Rede :)
    Sehr schön geschrieben, bin sehr gespannt, wohin es dich verschlägt und wie es weitergeht…

    • Carina
      20. September 2013, 20:13

      Vielen Dank! Insgeheim bin ich das auch … ;)

  • 20. September 2013, 09:08  Antworten

    oh jee wir hatten das vergnügen ja schon … und ich finde es dennoch immer wieder toll, wenn jemand den Schritt wagt.
    Willst du dich dann selbstsändig machen in dem Beruf oder erstmal auf dich zukommen lassen?

    Ich bin momentan auch in einem kleinen Loch. Nun seit Anfang des Monats wieder frei. Musste ich mir erstmal die Frage stellen, wohin genau willst du. Eigentlich weiß ich es. Aber den Mut für einen Anfang aufbringen und die Angst sich selbst zu enttäuschen stehen mir derzeit im Weg und ich verbinge die Zeit mit viel zu unnötigen Dingen .

    Bin gespannt wie es bei dir weitergeht!

    Lieben Gruß,

    Jessie

  • nina
    21. September 2014, 11:14  Antworten

    Der post spricht mir aus der seele. Ich habe ende April meinen job gekündigt und bin für 3 monate nach costa rica gegangen, noch in einer über 5-jährigen beziehung! Ich kam zurück, wollte mir wieder einen „normalen“ job suchen, dasleben wie früher leben, aber es ging nicht mehr. Nun haben wir uns getrennt und ich mich von meinem plan, einen neuen job zu finden. In 2 wochen geht es wieder auf in die welt, lateinamerika, ich bin gespannt, habe aber zugleich auch angst, dass es das, was ich hinter mir lasse, nicht „wert“ ist. Werde ich es nicht vrrsuchen, weiß ich es nicht… in diesem sinne, pura vida ;-)

  • 21. September 2014, 11:45  Antworten

    Hallo Carina,

    sehr schöner Artikel, den ich genauso auch hätte schreiben können.
    2008/2009 war ich für ein knappes Jahr in der Welt unterwegs. Ein knappes Jahr nur Zeit für mich und meine Frau, machen was man will. Wenn´s an einem Ort zu blöd ist, fährt man eben einfach weiter.

    Dann 2009 wieder zurück in die Arbeitswelt. 8 Jahre vorher in Werbeagenturen gearbeitet, also auch danach wieder in eine Agentur. So schön es war, aber der Gedanke des Einfach-Weiterziehen, wenn´s nicht mehr passt, hat sich einfach da auch wieder durchgesetzt. Also nach einem knappen 1 Jahr ab in den nächsten Job. Diesmal auf Unternehmensseite. Aber der hat noch weniger gepasst und ich war nach wenigen Monaten schon wieder woanders.

    So hab ich´s in den letzten fünf Jahren auf fünf Festanstellungen gebracht. Alle „Engagments“ habe ich selbst beendet, weil wir einfach nicht zusammengepasst haben.

    Inzwischen bin ich sehr glücklich mit meinem Job, aber im Hinterkopf plane ich immer noch meinen nächsten Ausstieg auf Zeit :)

    Viele Grüße
    Thomas

  • 21. September 2014, 13:34  Antworten

    Diese Frage habe ich mir mein ganzes Berufsleben lang gestellt und sie letztendlich mit nein beantwortet. Ich habe jedoch die „innere Kündigung“ vorgezogen, aus Mangel an Alternativen und wohl auch aus Existenzangst. Den berühmten Schalter im Kopf habe ich zwar nicht gefunden, aber meine Freiheiten nahm ich mir – in Form einer jährlichen Fernreise – trotzdem. Heute bin ich ganz froh, durchgehalten zu haben, denn mein Job war für meine limitierten Fähigkeiten ein wirtschaftlicher Sechser im Lotto und wenn ich manchen Freund aus vergangenen Zeiten – der seinen Traum gelebt hat – jetzt betrachte, dann bin ich mit dem Heute mehr als nur zufrieden.
    Bei Dir habe ich jedoch überhaupt keine Bedenken, dass Du das auch ohne unbefristeten Arbeitsvertrag packst und irgendwie beneide ich Dich dafür. Lass Dir aber noch ein paar Länder für später übrig, denn nichts ist öder als gestilltes Fernweh. :)

  • 21. September 2014, 16:03  Antworten

    Hallo Carina,

    ich finde auch, dass du auf die Entscheidung, die du getroffen hast, sehr sehr stolz sein kannst.
    Um ehrlich zu sein, finde ich mich in deinen Worten auch selbst ein bischen wieder ;)
    Ich bewundere deinen Mut. Vielleicht schaff ich’s ja auch noch irgendwann :))

    Liebe Grüße,
    Claudi

  • Tim Stubbemann
    20. November 2015, 23:01  Antworten

    Hi Carina,

    Über Facebook bin ich auf diesen Artikel gestoßen. „Passen wir noch zusammen?“ korrigier mich wen ich falsch liege, ich hab den Artikel so interpretiert das du Angst hast was danach kommt. Vor dem Ungewissen das du NICHT weißt was danach kommt wie es weiter gehen soll.

    Ich bin jetzt 16 Jahre alt und werde nächsten Sommer meinen Abschluss in der Hand halten.
    ich weiß nicht wie es weiter gehen soll, noch ein Jahr die Schulbank drücken? Nein, lust hab ich darauf nicht wirklich (Das währe die letzte Option wenn nichts anderes klappt). Ich hab mich jetzt entschlossen mich für eine Ausbildung zu bewerben, ich hab keine lust den ganzen tag in der schule zu sitzen ich will was tuen Geld verdienen was praktische lernen und mir nicht NUR die Theorie zu pauken, das ist langweilig und eintönig.

    Mein Traum ist es nach der Ausbildung all mein Geld zu nehmen und loszuziehen durch Europa, Asien und dann um die ganze Welt, auf unbestimmte Zeit, Abenteuer zu erleben und wen ich dann vor dem Sterben stehe sagen zu können: „Ich hab meinen Traum gelebt“ und wenn man mich fragt ob ich wen ich könnte was anders machen würde mit vollem Herzen un Ehrlichkeit ohne zu zögern „Nein“ sagen zu können.

    Mit Freundlichen Grüßen

    Tim

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